Die Wanderfalken von Lingen – Ein Projekt, das Mensch und Natur verbindet

Seit 2024 ermöglichen Kameras im Nistkasten faszinierende Einblicke in das Leben der schnellsten Jäger der Welt. Initiiert wurde das Projekt von Bernward Rusche (†) gemeinsam mit Christoph Lüken (†). Ihr Ziel war es, den Menschen die heimische Tierwelt näherzubringen und das Interesse am Natur- und Artenschutz zu fördern.

Was einst als lokale Initiative begann, hat sich zu einem besonderen Naturerlebnis entwickelt, das Zuschauer weit über die Grenzen des Emslandes hinaus begeistert. Dank der kontinuierlichen Betreuung der Technik und des Engagements vieler Beteiligter können Interessierte das Brutgeschehen, die Aufzucht der Jungvögel und deren erste Flugversuche live verfolgen.

 

Die Brutsaison 2026 steht ganz im Zeichen der Erinnerung an Bernward Rusche (†) und Christoph Lüken (†). Ihr Einsatz und ihre Begeisterung für die Wanderfalken leben in diesem Projekt und in der Gemeinschaft der Zuschauer weiter.

Die Altvögel

Im Jahr 2026 bestand das Brutpaar aus:

·   Chrissy (Weibchen), Ring-Nr. 8 PN, beringt im Mai 2024 in Coesfeld

·  Chris (Terzel), Ring-Nr. 7 GZ, beringt im Mai 2022 in Borken

Als „Terzel“ wird bei Wanderfalken das Männchen bezeichnet, das etwa ein Drittel kleiner und leichter ist als das Weibchen.

Für das junge Wanderfalkenweibchen Chrissy dürfte es sich um die erste Brut handeln.

 

Die Zuschauer der Lingener Wanderfalken-Kamera entschieden sich in Erinnerung an den Anfang 2026 unerwartet verstorbenen ehemaligen Kameramann Christoph Lüken (†) dafür, das Brutpaar „Chris“ und „Chrissy“ zu nennen.

Vom Ei zum Küken

Nach einer Brutdauer von etwa 32 bis 34 Tagen schlüpften die Jungvögel. In der Brutsaison wurden leider nur 3 Eier ausgebrütet.

1.     Küken: 25. April 2026 um 18:17 Uhr

2.     Küken: 26. April 2026 um 00:41 Uhr

3.     Küken : 27. April 2026 um 11:58 Uhr

Frisch geschlüpfte Wanderfalken sind vollständig auf die Fürsorge ihrer Eltern angewiesen. Sie wiegen nur wenige Gramm und sind zunächst mit einem weißen Daunenkleid bedeckt. In den ersten Lebenstagen können sie ihre Körpertemperatur noch nicht selbstständig regulieren.

 

Deshalb werden die Küken von der Mutter intensiv gehudert. Dabei schützt sie ihren Nachwuchs unter dem Gefieder vor Kälte, Regen und starker Sonneneinstrahlung. Währenddessen versorgt das Männchen die Familie mit Nahrung. Es übergibt die Beute an das Weibchen, das diese zerteilt und an die Küken verfüttert.

Freude und Verlust

Wie so oft in der Natur liegen Glück und Leid dicht beieinander.

In der Nacht vom 26. auf den 27. April 2026 verstarb eines der Küken. Am 2. Mai 2026 kam es zu einem weiteren tragischen Verlust. Beim Hudern wurde vermutlich ein zweites Küken unbeabsichtigt von Chrissy erdrückt.

 

Solche Unglücke kommen in der Natur leider gelegentlich vor, insbesondere während der ersten empfindlichen Lebenstage. Damit blieb nur noch ein Jungvogel im Horst zurück.

Die Entwicklung eines jungen Wanderfalken

Für Bernie beginnt nun eine spannende Entwicklungsphase.

Bereits nach wenigen Tagen öffnen sich die Augen vollständig. Das erste weiße Daunenkleid wird nach und nach durch ein dichteres zweites Daunenkleid ersetzt. Mit etwa drei Wochen werden die ersten Federn sichtbar.

Im Alter von vier bis fünf Wochen ähnelt ein Jungvogel bereits einem erwachsenen Wanderfalken, auch wenn das Gefieder noch deutlich brauner gefärbt ist und das Brustgefieder sowie die „Hosen“ längsgestreift sind. Das Jungvogel-Gefieder verlieren die jungen Wanderfalken übrigens nach etwa einem Jahr mit der ersten Mauser.

Nun beginnt intensives Flügeltraining. Durch Flügelschlagen und kleine Sprünge stärkt der Jungvogel seine Muskulatur und bereitet sich auf den ersten Flug vor.

Zwischen dem 38. und 45. Lebenstag erfolgt schließlich der erste Ausflug aus dem Horst. Dieser wichtige Entwicklungsschritt wird als „Ausfliegen“ bezeichnet. Die jungen Falken sind dann zwar flugfähig, aber noch längst keine perfekten Jäger. Bernie verließ das Nest am 09.06.2026 um 11:30 Uhr.

Wanderfalken sind die schnellsten Tiere der Welt, die ihre Beute ausschließlich im Flug schlagen und bei der Jagd eine Geschwindigkeit von sogar über ca. 320 km/h erreichen können. Diese Jagdweise bedingt eine längere Ausbildung der Jungvögel durch die Eltern.

In den folgenden vier bis sechs Wochen werden die Jungvögel weiterhin von ihren Eltern versorgt und angeleitet.

 

Chris und Chrissy zeigen ihrem Nachwuchs, wie Beute erkannt, verfolgt und erbeutet wird. Erst nach dieser Lernphase wird ein junger Wanderfalke vollständig selbstständig.

Die Eiablage

Im Jahr 2026 wurden die Eier an folgenden Tagen gelegt:

1.     Ei: 18. März 2026

2.     Ei: 20. März 2026

3.     Ei: 23. März 2026

4.     Ei: 25. März 2026

 

Wanderfalken legen ihre Eier üblicherweise im Abstand von zwei bis drei Tagen. Mit der Bebrütung beginnt das Weibchen in der Regel erst nach dem vorletzten Ei. Dadurch ist ein etwa gleichzeitiges Schlüpfen gewährleistet, damit die Jungvögel  in etwa gleiche Chancen im Kampf um das Futter haben. 

Bernie

Der NABU Emsland Süd hatte vorgeschlagen, dass das erste als männlich identifizierte Jungtier den Namen „Bernie“ erhalten sollte.

Da schließlich nur noch ein Jungvogel verblieb, erhielt dieser unabhängig vom späteren Geschlecht den Namen Bernie.

Mit der Namensgebung wird an Bernward Rusche (†) erinnert, den Initiator des Lingener Wanderfalken-Projekts und 1. Vorsitzender des NABU Emsland Süd. Sein Engagement für den Natur- und Artenschutz sowie seine Begeisterung für die Wanderfalken haben dieses Projekt maßgeblich geprägt und vielen Menschen die faszinierende Welt dieser Greifvögel nähergebracht.

Nach einigen Wochen wurde deutlich, dass es sich bei Bernie um einen Terzel handelt. Wäre Bernie ein Weibchen, wäre er da bereits deutlich größer als sein Vater Chris und in etwa gleich groß wie Chrissy gewesen.

 

Eine Beringung von Bernie erfolgte nicht, da der im Kirchturm befindliche Nistkasten nur mit einem Kletterer oder Steiger erreichbar ist und dies eine gute und vorsichtige Planung mit sich zieht, die leider in diesem Jahr nicht möglich war. 


Ein besonderer Dank gilt Sven Groß, der mit großem Engagement für den zuverlässigen Betrieb der Kameratechnik sorgt. Durch seinen Einsatz konnten die Zuschauer die Wanderfalken und ihren Nachwuchs rund um die Uhr begleiten und die Entwicklung im Horst hautnah miterleben.

Hier gelangen Sie zum Livestream: https://www.youtube.com/@rixxel

 

Mehr Informationen zum Wanderfalken finden Sie auch hier https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/portraets/wanderfalke/